Skip to main content
Category

Forschung

Beiträge zu aktuellen Forschungsergebnissen bzw. Berichten internationaler Organisationen zum Thema Menschenhandel und verwandten Themen wie Gewalt gegen Frauen, Prostitution usw.

KAS-Studie mit Empfehlungen für eine erfolgreiche Umsetzung des Nordischen Modells

By Forschung

In ihrem von der Konrad-Adenauer-Stiftung geförderten Bericht “Perspectives on the Swedish Model to Prevent and Combat Prostitution and Trafficking” („Sichtweisen auf das schwedische Modell zur Verhinderung und Bekämpfung von Prostitution und Menschenhandel“, Übers. durch den Verf.) gibt Dr.in Wanjiku Kaime Atterhög, leitende Forscherin und Dozentin der Abteilung für Psychologie und Sozialarbeit an der Mid Sweden University, zuerst einen Überblick über die Geschichte und den aktuellen Stand des sogenannten „Schwedischen“ oder „Nordischen Modells“ und spricht anschließend Empfehlungen zur zukünftigen Verbesserung der Umsetzung aus.

Der 20-seitige Bericht in englischer Sprache ist leicht lesbar und erlaubt es Interessierten, sich ein gutes Bild von der Lage rund um das Schwedische Gesetz zu Prostitution und Menschenhandel zu machen. Atterhög hat sich insbesondere 2018 und 2021 intensiv mit dem Thema beschäftigt und praktische Forschungsarbeiten in Schweden durchgeführt, auf die sie in der Studie Bezug nimmt.

Sie erklärt, wie das Schwedische oder Nordische Modell aus drei Säulen oder Komponenten besteht, die in ihrer Gesamtheit wichtig für die Wirkung des Gesetzes sind. So stellt die Bestrafung des Sexkaufes nur eine Säule dar, die zum einen von der sozialen und zum anderen von der edukativen Säule begleitet wird. Atterhög erklärt, welche bedeutende Rolle gerade die soziale Komponente in der Vorbereitung des Schwedischen Gesetzes spielte und zitiert hierfür aus der Empfehlung zum 1999 in Kraft getretenen Gesetz: „A very important part of the work to reduce prostitution is the efforts made by social services…”. Auch der dritten, edukativen Komponente, die das Ziel einer gesellschaftlichen Veränderung bezüglich der Einstellung zum Thema Prostitution bzw. Sexkauf verfolgt, misst sie eine bedeutende Rolle zu.

Handlungsbedarf sieht sie in Schweden in der edukativen, vor allem aber im Bereich der sozialen Säule. Diese müsse gestärkt und besser finanziert werden. So zeigten die Ergebnisse ihrer Forschungen, dass Unterstützungsleistungen derzeit vor allem von zivilgesellschaftlichen Organisationen und nur in geringem Maße von staatlichen Institutionen geleistet werden. Es fehle eine klare Strategie und klare Richtlinien, um Personen, die aus der Prostitution aussteigen wollten, effektiv – vor allem auch langfristig – zu unterstützen und zu begleiten.

Sie betont, dass ein großer Teil der Personen, die in der Prostitution tätig sind oder zum Zweck der sexuellen Ausbeutung nach Schweden gehandelt werden, nicht schwedische Staatsangehörige seien. Afrikanische undokumentierte Frauen in der Prostitution seien sich der Gesetzeslage in Schweden oft nicht bewusst und hätten daher Angst davor, identifiziert und abgeschoben zu werden, obwohl sie in Schweden nicht kriminalisiert würden. Hier fehle es also an erreichbarer Information. Darüber hinaus erhielten nur sehr wenige identifizierte Betroffene des Menschenhandels längerfristige Aufenthaltsgenehmigungen oder Asyl aus humanitären Gründen und es gebe nicht genügend Schutzhäuser, die Betroffene für eine längere Zeit aufnehmen könnten.

Ländern, die das Nordische Modell übernehmen wollen, empfiehlt Atterhög, ein klares Verständnis bezüglich des Zusammenhangs der Phänomene Prostitution und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung zu erlangen und allen drei Komponenten des Modells die gleiche Priorität und Finanzierung einzuräumen. Die Nachbetreuung von Aussteigerinnen aus der Prostitution in den verschiedenen Phasen der Betreuung und das Angebot nachhaltiger Alternativen sei hier besonders wichtig, um den Kreislauf von Benachteiligung und Ausbeutung zu durchbrechen.

Link zum Download der Studie: Konrad-Adenauer-Stiftung – Regional Programme Nordic Countries – Perspectives on the Swedish Model to Prevent and Combat Prostitution and Trafficking (kas.de)

Quelle Bild: Konrad-Adenauer-Stiftung

Unsere Abschlusskonferenz des EU-Projekts „INTAP“

By Forschung

Wir sind glücklich und dankbar, dass unsere Abschlusskonferenz des EU-geförderten Projekts INTAP (Intersektionaler Ansatz für den Integrationsprozess in Europa für Überlebende des Menschenhandels) am 13. Oktober tatsächlich live in Karlsruhe stattfinden konnte! Wir waren mit etwa 100 Teilnehmenden vor Ort versammelt und haben unsere Projektergebnisse vorgestellt, spannenden Vorträgen zugehört und angeregte Diskussionen über den Kampf gegen Menschenhandel geführt. Auch ein Kriminaloberkommissar, eine Anwältin für Asylrecht und andere am Prozess der Hilfe und Unterstützung der Opfer von Menschenhandel beteiligte Personen waren mit dabei und haben mitdiskutiert.
Wir – national und international tätige Menschenrechts- und Frauenhilfsorganisationen und Wissenschaftler*innen – haben im Rahmen dieses Projekts die Integration von weiblichen Betroffenen des Menschenhandels aus Nigeria und China untersucht. Laut einer Datenerhebung der Europäischen Kommission über Menschenhandel von 2018 stellten nigerianische Betroffene die größte Gruppe Drittstaatsangehöriger dar. Chinesische Frauen und Mädchen bildeten die drittgrößte Gruppe. Aus diesem Grund haben wir uns in dem Projekt auf diese beiden Opfergruppen fokussiert. Im Mittelpunkt der Forschung stand die Frage nach den Chancen und Hindernissen für den Integrationsprozess der Betroffenen.

Forschungsergebnisse:
Für beide Gruppen (nigerianische und chinesische Frauen) besteht die größte Chance für eine gelungene Integration in dem Kontakt zu einer Vertrauensperson. Diese Vertrauenspersonen sind in den meisten Fällen Sozialarbeitende. Das Haupthindernis ist die Angst. Die erlebten Traumata und die Furcht vor Menschenhändlern und Gottheiten – Stichwort „Juju-Schwur“ – können eine lähmende Wirkung auf die Betroffenen haben.
Bei der Integration der chinesischen Frauen bildet der Mangel an Kenntnissen einer europäischen Sprache ein weiteres großes Hindernis. Auch der enge Kontakt zu Landsleuten hält sie oft von der Integration ab. Die Stigmatisierung von Frauen in der Prostitution und die enge Verbindung der chinesischen Gemeinschaft zum chinesischen Staat stellen eine große Gefahr für die Betroffenen dar. Beide Aspekte haben aber auch das Potential für eine Chance: Das Erlernen einer europäischen Sprache und das starke Bedürfnis nach Gemeinschaft können von großer positiver Bedeutung für die Integration der Chinesinnen sein.

Im Mittelpunkt der Kritik standen – auf Deutschland bezogen – die fast aussichtslosen juristischen Kämpfe für ein Bleiberecht der Menschenhandelsopfer, chronisch unterfinanzierte Beratungsstellen, nicht ausreichende Hilfsangebote für Betroffene und stark zurückgegangene Menschenhandelsprozesse. Die Kritikpunkte wurden auf der Konferenz beim abschließenden Podiumsgespräch aufgegriffen, mit dem Ergebnis, dass eine Veränderung der Gesetzeslage für Opfer von Menschenhandel unabdingbar ist.

Handlungsempfehlungen für Interessierte:
Neben dem Forschungsbericht haben wir auf der Konferenz ein Projekthandbuch vorgestellt, das auf den Ergebnissen des Forschungsberichts basiert. Darin werden zum Beispiel spezifische Schulungen für die Vertrauenspersonen aufgeführt und weitere Lösungsansätze, wie Trauma-Schulungen des medizinischen Personals, interkulturelle Elternarbeit, Mutter-Kind-Sprachkurse, Lockerungen im Aufenthaltsrecht und verbesserte staatliche Finanzierung beschrieben.

Beteiligte Organisationen:
Unser Bündnis Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. war am Projekt als Leadpartner beteiligt zusammen mit den Partnern: The Justice Project e.V., Herzwerk Wien, SOLWODI Deutschland e.V., Associazione Comunità Papa Giovanni XXIII (Italien) und der Wissenschaftler Simon W. Kolbe von der Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Die Forschungsberichte und Handbücher können auf der Projekt-Website in verschiedenen Sprachen angesehen und heruntergeladen werden: https://intap-europe.eu/materialien/?lang=de

Auswirkungen von Covid-19 auf den internationalen Menschenhandel

By Forschung

Eine Untersuchung von OSCE/ODIHR (Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) und UN Women hat ergeben, dass die Corona-Pandemie auch auf die internationalen Strukturen des Menschenhandels starke negative Auswirkungen hat. Bei der Untersuchung wurden Überlebende von Menschenhandel und MitarbeiterInnen von Erstkontaktstellen für Opfer von Menschenhandel aus verschiedenen Ländern befragt.

Im Kern der Untersuchungsergebnisse stehen zwei Punkte:

(1) Die Betroffenen und Überlebenden von Menschenhandel sind neuen Risiken und Herausforderungen ausgesetzt. Dazu zählt zum Beispiel, dass sie in dieser Zeit fast keinen Zugang zu Hilfsangeboten haben oder dass sie nicht in ihre Heimatländer zurück können.

(2) Die Not der Menschen ist größer und die Nachfrage nach „pornografischem Material“, das online zur Verfügung steht, ist gestiegen. Daraus ist eine größere Verletzlichkeit der Frauen und Mädchen, die einem besonderen Risiko ausgesetzt sind, Opfer von Menschenhandel zu werden, entstanden.

Der vollständige Bericht ist (in englischer Sprache) unter diesem Link verfügbar.

TIP-Report des US Außenministeriums

By Forschung

Zwar äußerte sich das US-Ministerium lobend darüber, dass sich der deutsche Staat verstärkt für Opferschutz eingesetzt und die finanzielle Unterstützung für die Opfer ausgeweitet habe, bemängelte jedoch, dass es

a) keinen nationalen Verweisungsmechanismus (National Referral Mechanism, NRM) für Opfer über alle Bundesländer hinweg gebe und

b) dass nach wie vor kein nationaler Berichterstatter ernannt sei, „der die Anstrengungen der Regierung im Bereich Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und zur Ausbeutung der Arbeitskraft unabhängig überprüft“.

Vor allem in die Kritik geraten war jedoch die Strafverfolgung, da die Zahl der Verurteilungen wegen Menschenhandels seit dem Jahr 2009 in Deutschland zurückgehe, Haftstrafen häufig nicht der Schwere der Tat entsprächen und zu oft ausgesetzt würden.

Den übersetzten Länderbericht für Deutschland finden Sie hier.

Start des neuen EU-Projekts INTAP

By Forschung

Im Februar startete unser neues, von der EU geförderte Projekt INTAP mit einer Kick-Off-Veranstaltung in Berlin. Die Abkürzung INTAP steht für „Intersektioneller Ansatz zum Integrationsprozess in Europa für Betroffene des Menschenhandels” („Intersectional approach to the process of integration in Europe for survivors of human trafficking”). Das Projekt zielt darauf ab, die Integration nigerianischer und chinesischer Betroffener von Menschenhandel zu verbessern. Entsprechend der Zielgruppe sind diesmal andere Kooperationspartner eingebunden als bei unserem vorherigen EU-Projekt GIPST. Diesmal arbeiten wir mit zwei deutschen (The Justice Projekt, SOLWODI Deutschland), einem österreichischen (Herzwerk Wien) und einer italienischen NGO (Associazione Comunità Papa Giovanni XXIII) zusammen. Außerdem ist ein Experte der Eichstätter Caritas-Flüchtlings- und Integrationsberatung im Team. Weitere Informationen gibt auf der Website unter www.intap-europe.eu 

EU-Projekt GIPST erfolgreich abgeschlossen

By Forschung

Unser EU-Projekt „GIPST“ wird demnächst, Ende Dezember 2018, erfolgreich abgeschlossen. In den vergangenen zwei Jahren hatten wir mit insgesamt sieben deutsche Organisationen aus Berlin, Hamburg und Stuttgart zusammen mit der Set Free Foundation in Sofia (Bulgarien), die Möglichkeit viele Materialien zu erstellen, um die Identifikation und Integration von Betroffenen von Menschenhandel zu verbessern. Wir freuen uns über die fleißige Nutzung und Verbreitung.

In den Städten Berlin, Hamburg und Stuttgart wurde ein Mapping von Prostitutionsstätten gemacht, um einen besseren Überblick über die jeweilige Situation zu bekommen.

Wir haben auch 18 Seminare in Flüchtlingsunterkünften gehalten, um über die Gefahren von Menschenhandel aufzuklären. Dafür wurden Flyer und PowerPoint-Präsentationen erstellt.

Für Frauen in der Prostitution hat „Neustart“ Infos zum Prostituiertenschutzgesetz auf einem ansprechenden Flyer zusammengetragen.

Für den Bereich der Integration wurde das Kompass-Programm entwickelt, ein Unterrichtsprogramm, das Aussteigerinnen alle wichtigen Kompetenzen für die Arbeitswelt vermitteln soll. Dazu gehört auch ein Patinnen-Programm, um die Frauen in dem Prozess zu begleiten und ihnen die soziale Integration zu erleichtern. Darüber hinaus wurden Kontakte zu Unternehmen aufgebaut, um Arbeitsstellen für die Betroffenen zu schaffen.

Der dritte Bereich von GIPST befasste sich mit der Verbesserung der Rückkehr-Betreuung. Es wurden Kontakte zu Organisationen in den wichtigsten Herkunftsländern aufgebaut und viele Hintergrundinformationen zu den Ländern und ein Handout zur Planung einer Rückkehr zusammengetragen, die bei der Betreuung von Rückkehrerinnen hilfreich sind.